Stadtteilmagazin für Osdorf und Umgebung
Das Bürgerhaus Bornheide im November 2025. Beim Bürgerdialog für Olympische und Paralympische Spiele konnte, wer wollte, Vorschläge unter dem Motto „Mach mit, bring dich ein“ machen. Und das nicht nur in Osdorf. 15 dieser Veranstaltungen fanden im gesamten Stadtgebiet statt. Im Durchschnitt wurden 100 Teilnehmende gezählt. „Über 800 konkrete Rückmeldungen spiegeln das große Interesse und die Chance, die Olympische und Paralympische Spiele für eine Stadt bieten, wider“, sagte Olympia-Projektleiter Steffen Rülke.
Das Bürgerhaus Bornheide Ende Januar. Zur ersten Stadtteilkonferenz des Osdorfer Borns im neuen Jahr ist auch ein Vertreter des örtlichen Sportvereins gekommen. „Wir können die benachbarte Sporthalle nicht nutzen. Der Boden ist kaputt“, sagt Klaus Schulze vom SV Osdorfer Born. Durch die Hilfe der Ämter können die Jugendfußballer in anderen Hallen trainieren, bis der Schaden behoben ist. Andere Einrichtungen des Stadtteils haben weniger Glück. Wenn Kinder und Jugendliche am Nachmittag mit leerem Magen ins Spielhaus Bornheide kommen, fehlt es an Geld und Personal für einen Imbiss. „Hunger ist ein Thema im Stadtteil“, sagt Marit Hofmann, die das DRK-Zentrum Osdorfer Born leitet. Dort mussten zum Jahresbeginn Beratungsangebote für Geflüchtete gestrichen werden. Und das, obwohl „der Bedarf riesig ist“, so Hofmann.
Olympia erscheint hier weit weg, obwohl das geplante Olympiastadion nur drei Kilometer Luftlinie entfernt läge. Der Vorschlag aus dem Bürgerdialog, die Böden der olympischen Sportstätten weiter zu nutzen, kommt für die Halle in Osdorf zu spät. Das im Olympia-Konzept festgeschriebene Ziel, jedem Kind in Hamburg möglichst früh einen Schwimmkurs anzubieten, brächte indes konkrete Verbesserungen. Weil es an Personal und Trainingszeiten fehlt, muss man heute beim SV Osdorfer Born zwei Jahre auf einen Platz im Schwimmkurs warten. In vielen anderen Sportvereinen in Hamburg sieht es ähnlich aus. Helfen würden zusätzliche neue Schwimmhallen, aber im Olympia-Konzept steht nur etwas von der weltweit größten Schwimmarena, die für vier Wochen im Volksparkstadion entstehen würde. Für 28,15 Millionen Euro sollen dort mobile Schwimmbecken aufgebaut – und nach den Spielen wieder abgebaut werden. Die Becken können anschließend für den Hamburger Schwimmsport genutzt werden.
Am 24. April wurden die Briefwahl-unterlagen verschickt. Abstimmen darf, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, mindestens 16 Jahre alt ist und seit mindestens drei Monaten den Hauptwohnsitz in Hamburg hat. Das Olympia-Referendum endet am 31. Mai. Die meisten Argumente für oder gegen die Spiele in Hamburg werden seit Wochen intensiv diskutiert.
Wie konkret ist die Hoffnung des Senats auf einen Wirtschaftsaufschwung? „Wer noch einen Nachweis dafür braucht, wie Hamburg von Olympia profitieren kann, sollte diese Studie lesen“, sagte Andy Grote. Der Innensenator meint ein jüngst veröffentlichtes Papier des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts. Darin steht, dass jeder Arbeitsplatz im engeren Sportsektor im Durchschnitt 2,3 weitere Stellen etwa in Eventorganisation, Medienproduktion, Tourismus, Einzelhandel oder Gesundheitsdienstleistungen sichere. Deutlich zurückhaltender bewertet Oliver Höltemöller, Professor für Makroökonomie vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, die Auswirkungen: „Studien zu bisherigen Olympischen Spielen finden in der Regel keine signifikanten positiven gesamtwirtschaftlichen Effekte.“ Der Belebung etwa in der Gastronomie stünden Verdrängungseffekte in anderen Branchen gegenüber.
Was kosten die Spiele die HamburgerInnen? Im Finanzierungskonzept des Senats werden die Kosten genau aufgelistet und nach einem Durchführungsbudget (sämtliche Ausgaben für die direkte Organisation und Durchführung der Wettkämpfe) und den Kosten für Investionen (langfristige Maßnahmen für Wettkampf- und Trainingsstätten der SportlerInnen, Ausbau der Barrierefreiheit, Geld für Sportförderung und Bildung sowie Grün und Nachhaltigkeit und Verkehrsprojekte) aufgeteilt. Beim Durchführungsbudget errechnet Hamburg einen Gewinn von 100 Millionen Euro. Darin sind unter anderem der Erlös aus dem Verkauf von zehn Millionen Eintrittskarten enthalten. Die Investitionskosten liegen laut Finanzierungskonzept bei 1,3 Milliarden Euro. Sie sollen über zehn Jahre verteilt werden. Die Stadt rechnet in der Folge mit 100 Millionen Euro Olympiakosten im Jahr.
Olympiagegner kritisieren die Berechnungsgrundlagen. So werden bei vielen Bereichen die Kosten der Spiele von Paris 2024 als Benchmark genannt. Bei den Sicherheitskosten, die in Paris mit 1,7 Milliarden Euro zu Buche schlugen, nicht. Damals gab es hohe Kosten für Sicherheit im öffentlichen Raum. So fand in jedem Pariser Bezirk ein Public Viewing statt, das von Beamten mit Maschinengewehren bewacht wurde. Es sei unseriös, sagen die Gegner, diese Kosten jetzt noch nicht zu nennen. Denn auch in Hamburg solle es Public-Viewing-Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet geben. Der Senat argumentiert, es sei angesichts der weltpolitischen Lage nicht seriös, schon heute mögliche Sicherheitskosten zu nennen.
Schwierig zu beurteilen sind auch die Auswirkungen der Spiele auf den Wohnungsmarkt. Eckart Maudrich, Sprecher der „NOlympia“-Initiative, sieht schon vor Olympischen Spielen negative Effekte. „Wenn wir in so einem Dauerbewerbungsmodus sind, dann werden die Mieten hier gewaltig gestiegen sein.“ Diese Auswirkungen sieht die Olympia-Projektgruppe nicht. Dauerhafte Mietsteigerungen in den Gastgeberstädten seien nicht belegbar. Sie verweist darauf, dass von den 3.800 Wohnungen in der Science City Bahrenfeld, die für das Olympische Dorf genutzt werden sollen, zu 56 Prozent geförderter Wohnraum und keine Luxuswohnungen entstehen werden. Nach Einschätzung des Mietervereins wird es mit und ohne Olympiabewerbung Hamburgs in den nächsten Jahren mit den Mieten weiter nach oben gehen. „Zu angespannt ist der Markt, zu wenig bezahlbarer Wohnraum besteht oder wird neu geschaffen. Es ist weder seriös zu behaupten, Olympia hätte keinesfalls Auswirkungen auf die Mietpreise, noch, die Auswirkungen seien genau messbar“, sagt der Mietervereins-Vorsitzende Rolf Bosse. Vielmehr trägt der Senat die Verantwortung, dass der generelle Mietenanstieg gestoppt wird und zusätzliche preistreibende Auswirkungen durch Olympia unterbleiben.
Wie nachhaltig sind die Spiele? Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verlangt von den Städten, das Event klimapositiv auszurichten. „Hamburg soll durch Olympia eine grünere Stadt werden“, verspricht der Senat. Die Spiele sollen dazu genutzt werden, die Ziele des Zukunftsentscheids (Klimaneutralität bis 2035) zu erreichen. Geplante Projekte, etwa zum Ausbau des Nahverkehrs, könnten beschleunigt werden, weil dafür Chancen bestünden auf zusätzliches Geld vom Bund bestehe. Die Naturschützer des BUND haben sich indes klar gegen diese Strategie positioniert. Öffentliche Gelder sollten nicht für Olympia, sondern für Klimaanpassung und nachhaltige Mobilität eingesetzt werden. „Wir müssen jetzt investieren, um unsere Stadt fit für die Zukunft zu machen, statt in ein Prestigeprojekt, dessen Nutzen für die Menschen in Hamburg höchst unsicher ist“, sagt Sabine Sommer, Vorsitzende des BUND Hamburg. Bei den Spielen in Paris wurden 1,59 Millionen Tonnen CO2 emittiert. 54,6 Prozent weniger als in London 2012 und Rio de Janeiro 2016. Für die Emissionen des Großevents, die beispielsweise durch die Flugreisen von Olympia-Besuchern, Sportlern und Funktionären zu erwarten sind, müsste Hamburg zum Ausgleich vermutlich CO2-Zertifikate kaufen.