Stadtteilmagazin für Osdorf und Umgebung

„Sie müssen sich um Max Emden kümmern“

Der Osdorfer Joachim Winkelmann hat dafür gesorgt, 
dass der Wanderweg neben dem Poloplatz Max-Emden-Weg heißt

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Joachim Winkelmann ist noch etwas eingefallen. Es gibt da eine kurze Szene, die vermutlich Max Emden beim Polo zeigt. „Ein Stück Film aus dem Familienarchiv seines Enkels Juan Carlos Emden, der in Chile lebt“, so Winkelmann.

Im Sommer 2014 haben sich Winkelmann und Juan Carlos Emden am neu benannten Max-Emden-Weg getroffen, der vom Hesten am Poloplatz vorbei zum Hemmingstedter Weg führt. Dass der Wanderweg nun nach dem Voreigentümer des Geländes heißt, ist auf den Einsatz des Pensionärs aus Osdorf zurückzuführen, der die Politiker in der Altonaer Bezirksversammlung mit vielen von ihm recherchierten Fakten überzeugt hat. Als wir ihn in seinem Arbeitszimmer in der Polostraße besuchen, erzählt er detailreich die Lebensgeschichte eines visionären Kaufmanns mit großem Kunstsachverstand, der in der NS-Zeit einen Großteil seines großen Vermögens verlor. 

Häufiger fällt im Gespräch der Name Eduard Pulvermann, mit dem der heute 91-jährige Winkelmann seine Geschichtsforschung vor einigen Jahren begonnen hat. Über den Kaufmann und Springreiter, der 1944 an den Folgen von im KZ Neuengamme erlittenen Misshandlungen starb und nach dem das Hindernis „Pulvermanns Grab“ beim Deutschen Spring Derby benannt ist, hat er 2007 ein aufwändig recherchiertes Buch veröffentlicht. Der promovierte Internist Winkelmann hat nie etwas mit Springreiten oder Polo zu tun gehabt. Aber während er in den Bibliotheken in Zeitungsarchiven oder Originalakten liest, wächst in ihm die Einsicht, dass man zumindest versuchen sollte, „irgendetwas wieder gut zu machen“. 

Es passiert während der Arbeit am Pulvermann-Buch, dass Winkelmann auf Max Emden aufmerksam wird. Der Nien-stedtener Dorfchronist Herbert Cords sagt zu ihm: „Sie müssen sich um Max Emden kümmern.“ Und Winkelmann macht sich an die Arbeit. Fast zwei Jahre liest er in Bibliotheken und Archiven alles, was er über die Familie Emden finden kann, die seit 1794 im Hamburger Adressbuch verzeichnet ist. Die wohlhabende jüdische Kaufmannsfamilie handelte mit Textilien, aber auch mit „Bändern aller Sorten und Garn“. 

1904, Emden war 30 Jahre alt, wurde er Teilhaber der väterlichen Firma M. J. Emden Söhne am Rödingsmarkt, dem „Engroshaus für sämtliche Waren der Textilindustrie und Ausstattung von Warenhäusern“. Max Emden begann nun selber Warenhäuser zu bauen. Zunächst das Oberpollinger in München, dann das KaDeWe in Berlin. In Hamburg Kaufhaus Poetsch am Schulterblatt; in Wandsbek Kaufhaus Petersen; in Danzig Gebrüder Freymann und weitere in Chemnitz, Plauen, Potsdam, Stockholm und später in Budapest. „Er betrieb die Warenhäuser nicht unter seinem Namen“, so Winkelmann. Ihm gehörten die Grundstücke und die Gebäude, die er verpachtete. In den Zeitungen wird Emden dennoch bald „Kaufhaus-König“ genannt. Damit war es 1926 vorbei, als sich der Kaufmann mit 52 Jahren weitgehend aus dem aktiven Geschäftsleben zurückzog. Er verkaufte seine inländischen Kaufhäuser an Rudolph Karstadt und verließ Hamburg in Richtung Tessin. 

Der Hamburger Polo Club (HPC) verdankt seinem vermögenden Mitglied viel. 1927 kaufte Emden den Poloplatz und das benachbarte Gelände, auf dem heute der Botanische Garten liegt und verpachtete es für zehn Jahre an den Club. Für den Bau des Clubhauses gab Emden, der zu diesem Zeitpunkt schon in der Schweiz lebte, dem HPC ein Darlehen in Höhe von 45.000 Mark. Als der Club die Zinsen nicht zahlen konnte, wurden sie von Emden gestundet. Auch den Architekten Heinrich Amsinck wählte er aus, der das zeitlos schöne Clubhaus im seinerzeit revolutionärem Bauhausstil baute. 

In seiner Jugend spielte Emden leidenschaftlich Polo im Jenischpark. Mit dem Künstler Max Liebermann war er befreundet. Es liegt nah, dass er einer der Spieler auf Liebermanns berühmtem Gemälde der „Polospieler im Jenischpark“ ist. Der kunstsinnige Emden hatte sich 1906 für 200.000 Mark das Landhaus Sechslinden nördlich des Platzes vom Reform-Architekten Wilhelm Fränkel bauen lassen. Das Gebäude beherbergt heute das Jenisch-Gymnasium. „In Andeutungen sind Reste des kunstvoll angelegten Gartenparks auf dem Schulgelände noch zu sehen“, so Winkelmann. In seinem Landhaus sammelte Emden Kunst des 19. Jahrhunderts. So auch zwei Gemälde von Bernardo Bellotto, der sich Canaletto nannte: „Der Zwingergraben in Dresden“ und „Die Karlskirche in Wien“. Die Gemälde nahm er mit ins Tessin. 

Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, galt der zum evangelischen Christentum konvertierte Emden nach den Rassengesetzen des Regimes als Jude, dessen Eigentum in Deutschland auch die Schweizer Staatsbürgerschaft nicht schützte, die er seit 1934 besaß. „1935 begann mit dem erzwungenen Verkauf seiner Klein Flottbeker Ländereien weit unter Wert an die Stadt Altona seine gezielte Demontage“, so Winkelmann. Die Pachteinnahmen aus seinem Danziger Kaufhaus brachen 1937 ein, als die Nazis einen Boykott des Warenhauses organisierten. Hinzu kommen „Steuerschulden“ für die „Arisierung“. Es folgten in schneller Folge die anderen Immobilien. Emden war gezwungen, seine wertvolle Sammlung über den zum Teil zwielichtigen, mit dem NS-System kooperierenden Kunsthandel zu verkaufen.

1938 kam der „Zwingergraben“ über mehrere Händler in Adolfs Hitlers private Sammlung. Das Gemälde war für das „Führermuseum Linz“ bestimmt. Nach dem Krieg wurde es von den US-Amerikanern an die Bundesrepublik übergeben. Bis 2005 hing es in der Villa Hammerschmidt des Bundespräsidenten. Ansprüche von Emdens Erben auf das Bild wurden vom Bundesfinanzministerium lange abgelehnt, weil es „1938 aus der sicheren Schweiz“ verkauft worden war. Das Kriterium „Raubkunst“ sei nicht anzuwenden. Erst 2019  wurden die Bilder auf Empfehlung der „Beratenden Kommission“ an die Nachkommen Emdens zurückgegeben.

Als Max Emden 1940 starb, durfte sein Sohn Hans Erich nur kurz in die Schweiz einreisen. Er war vom Deutschen Reich ausgebürgert worden und bekam nur mit viel Mühe einen chilenischen Pass. In Chile lebt Hans Erich Emden bis zu seinem Tod 2001. 

2019  kam schließlich der Dokumentarfilm „Auch Leben ist eine Kunst – Der Fall Max Emden“ in die Programmkinos. Darin wird geschildert, wie die Jewish Trust Corporation, ohne die Erben zu kennen, nach dem Zweiten Weltkrieg die Rückübereignung der Grundstücke in Osdorf forderte. Die Stadt Hamburg lehnte dies in den 1950er-Jahren mit der formalen Begründung ab, Emden sei kein Jude gewesen. Seitdem sind die Akten geschlossen. Vom Hamburger Senat gibt es bis heute kein Gesprächsangebot. Filmemacherin Eva Gerberding kritisierte in der ARD-Kultursendung „ttt – titel thesen temperamente“, „dass der Senat überhaupt nicht bereit ist, mit der Familie Emden in Kontakt zu treten, ist mir als Hamburgerin richtig peinlich.“ Die DVD des Films liegt auch der ein Jahr später erschienenen Biographie Emdens bei. Sie wurde vom Historiker Ulrich Brömmling verfasst und „hebt die Max-Emden-Forschung auf eine neue Ebene“, wie es Urenkelin Maeva Emden und Wilhelm Hornbostel, ehemaliger Direktor des Museums für Kunst und Gewebe, im Vorwort des Buches formulieren.

Brömmling zeichnet in diesem lesenswerten Werk das Bild eines ernsten Mannes, der ebenso geschäftstüchtig wie großzügig und kunstsinnig war. Dabei kümmerte sich der Erfolgreiche um jedes Detail, so unwichtig es anderen auch erscheinen mochte. Als visionärer Kaufmann war Emden seiner Zeit  weit voraus, als  er die Ära der großen Warenhäuser einläutete. 

Noch heute ist nicht schwer zu erahnen, wie sehr es Max Emden gefallen haben dürfte, wenn er aus dem Fenster ins Grüne schaute. 1906 war der Kaufmann nach Osdorf gezogen, wo er die Villa Sechslinden bauen ließ. „Wir wohnen auf dem Land“, schrieb er an Freunde. Im Norden des Hauses entstand eine weitläufige Gartenanlage, die man heute als nachhaltig bezeichnen würde. 

Besucher den Botanischen Gartens können sich neben den Voreigentümer des Geländes auf eine Bank setzen. 2021 ließ der Hamburger Kaufmann Jürgen Jencquel dort auf seine Kosten eine Skulptur von Max Emden anfertigen, die im Loki-Schmidt-Garten aufgestellt wurde. 
 
Matthias Greulich
Max Emden

Buchtipp:

Ulrich Brömmling: „Max Emden. Hamburger Kaufmann, Kaufhauserfinder, Ästhet und Mäzen‟. Wallstein Verlag 2020, 188 Seiten, 32 Euro, mit DVD „Auch Leben ist eine Kunst – Der Fall Max Emden‟.

Max Emden:

Am 28. Oktober 1874 wird Max James Emden in Hamburg geboren und wächst in Harvestehude auf. Er macht sein Abitur am Wilhelm-Gymnasium und eine Lehre 
im Geschäft der Familie. Als 19-Jähriger konvertiert er zum evangelischen Christentum.

Emden studierte Chemie und Mineralogie in Heidelberg, Genf, Zürich und Leipzig, wo er 1898 zum Dr. phil. promoviert. 1910 heiratet er die in Chile geborene Concordia Gertrud Hélène Anna, genannt Anita Sternberg aus Klein Flottbek. Der gemeinsame Sohn Hans Erich wächst auf Sechslinden und dem Poloplatz auf. 1926 trennt sich das Ehepaar Emden. Max Emden zieht in die Schweiz, wo er die Brissago-Inseln im Lago Maggiore kauft und sich dort ein palastartiges Haus baut. Über die Einfahrt der Bootsgarage setzt er sein Motto: „Auch Leben ist eine Kunst.“ Am 26. Juni 1940 stirbt Max Emden in seiner Wahlheimat an einem Herzinfarkt. 

Joachim Winkelmann (links) und Juan Carlos Emden
Emden Skulptur im Botanischen Garten
Das Bild „Der Zwingergraben in Dresden“ 
wurde an die Erben von Max Emden restituiert

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