Stadtteilmagazin für Osdorf und Umgebung

„Man kann gar nicht alles aufzählen …

 
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was in Schulen passiert“: Westwind-Gespräch mit der Schulleiterin der Schule Barlsheide, Maren Bauhaus, der Schulleiterin der Schule Kroonhorst, Carola Müller-Belau, und  dem Schulleiter der Geschwister-Scholl-Stadtteilschule, Dirk Voss 

Westwind: Das Hamburger Abendblatt schrieb am 9.2.26 auf Seite eins: „Mehr als jedes fünfte Kind in Hamburg hat erhebliche Sprachdefizite“. Wie ist die Situation an Ihren Schulen und welche Maßnahmen zur Sprachförderung finden statt?

Maren Bauhaus: Wir fördern die Kinder im sprachlichen Bereich von Anfang an in den Klassen. Sprachförderung in Kleingruppen spielt eine große Rolle, ebenso sprachsensibler Unterricht, also Sprachbildung als Aufgabe in allen Fächern. Wir merken, dass Kinder mit weniger Sprache in die Schule kommen. Für die KollegInnen gibt es Fortbildungen in diesem Bereich. 

Carola Müller-Belau: Unsere Schule ist im Startchancen-Programm, vorher waren wir im „23-Plus“-Programm, beides spezielle Förderprogramme, und wir haben uns da insbesondere um die Beratung der KlassenlehrerInnen und der SonderpädagogInnen gekümmert; wir haben außerdem Fortbildungen durchgeführt, um die KollegInnen für den sprachsensiblen Unterricht zu schulen, der sich ja durch alle Fächer zieht. 

Dirk Voss: 2017/18 gab es eine große Welle an Fortbildungen zum Thema Sprache im Unterricht, da haben eine Kollegin aus dem Landesinstitut und zwei Deutsch-Lehrkräfte unserer Schule Fortbildungen durchgeführt zu bestimmten Standards, die umgesetzt werden sollen. Es geht dabei auch um Lesetraining. Wir haben deshalb beim Neubau der Schule an einem zentralen Ort eine Schülerbücherei eingerichtet – wir finden es sehr wichtig, dass die SchülerInnen Zugänge zu Literatur haben.

MB: Auch wir sind Startchancen-Schule. Seit einigen Jahren haben wir FLY (Family Literacy) in der Vorschule und den 1. Klassen etabliert. FLY ist ein Programm, das Familien und Schule verbindet, um die sprachlichen und literalen Fähigkeiten von Kindern durch gemeinsame Lern- und Alltagserfahrungen zu fördern. Die Eltern nehmen in diesen Stunden zusammen mit Ihren Kindern am Unterricht teil. 

DV: Wir erleben, wie schon gesagt wurde, auch immer wieder Kinder, die mit der Sprache Deutsch aufwachsen, aber eine gewisse Sprachlosigkeit und digitale Überforderung zeigen. Das macht mir große Sorgen, weil da mit der Sprach- und Schreibkompetenz auch andere Kompetenzen verlorengehen: sein Leben zu konstruieren, sich selbst zu orientieren, Begriffsbildungsprozesse, aber auch soziale Prozesse zu erleben. Deswegen ist Sprache ein zentraler Bereich der Bildung.

WW: Die Frage der Nutzung von Smartphones durch Kinder und Jugendliche – speziell auch in der Schule – wurde in der letzten Zeit sehr lebhaft öffentlich diskutiert. Welche Regelungen bestehen in Ihren Schulen?

CM: Wir hätten uns gewünscht, dass die Behörde eine generelle Regelung getroffen hätte. Wir haben die Regelung, dass Handys immer im Schulranzen sein müssen; problematisch ist es mit den Smartwatches,  unsere Lehrerkonferenz hat jetzt beschlossen, dass beide verboten sind, d. h. sie dürfen mitgeführt werden, müssen aber ausgeschaltet im Schulranzen sein. Damit werden wir auch den Erwartungen der Eltern gerecht: Von 8-16 Uhr haben wir ja die Kinder im Auge, und dann haben sie ihr Gerät wieder zur Verfügung.

MB: Bei uns gilt dasselbe: Die Handys müssen im Ranzen sein, die Smartwatches im Schulmodus. 

DV: Wir haben ein Handy-Verbot bis zur 10. Klasse und sind auch restriktiv, wenn ein Handy gesehen wird. Im alten Gebäude hatten wir noch eine Handy-Zone, das haben wir abgeschafft. Es ist eine Herausforderung, die wir auch annehmen: einerseits explizit digital-freie Zeit zu verordnen, um Themen wie Freundschaft, Begegnung, Kommunikation und bewusster, nicht digital vermittelter Wahrnehmung der Umwelt Raum zu geben. Andererseits haben wir den Anspruch, digitale Bildung zu vermitteln, wir können auch nicht so tun, als ob es KI nicht gäbe – das ist insgesamt eine riesige Aufgabe.

WW: Wie ist das zum Beispiel im Mathematik-Unterricht – dürfen da nur schuleigene Geräte benutzt werden?

DV: Wir haben viele Geräte angeschafft. Man kann in jeder Klasse einzeln und in Gruppen arbeiten. Manchmal sage ich auch: Nehmt eure eigenen Handys, aber das muss dann angeleitet und begleitet werden: Wird die geforderte Anwendung genutzt oder werden Wrestling-Videos angeschaut …?

WW: Erhalten die Kolleginnen und Kollegen Fortbildungen und Unterstützung in Bezug auf KI und anderes?

CM: Ja, wir haben eine Medienbeauftragte, die notfalls parat steht, aber es ist ja auch so, dass die jungen Kolleginnen und Kollegen mit den Kindern und Jugendlichen durchaus mithalten können.

MB: Wir haben ebenfalls eine Medienbeauftragte. Aber noch einmal zu den Smartphones: Wir wissen, dass die in der Welt der Kinder eine große Rolle spielen; deshalb ist es wichtig, dass auch die Eltern den Kindern einen guten Umgang mit den Smartphones und mit der digitalen Welt vorleben und Smartphone so einrichten, dass nicht alles zugänglich ist.

DV: Ich muss auch sagen, für meine Schule ist jetzt nicht KI das große Problem, das wir zu stemmen haben, weil die Bedürftigkeit der Familien unserer SchülerInnen ganz obenan steht. Und wenn allgemein die jüngere Generation mit den neuen Medien besser umgehen kann, heißt das nicht, dass auch alle unsere Kinder damit gut umgehen können. Wir haben da die zusätzliche Aufgabe, Aufklärungsarbeit zu leisten über das, was vielleicht in anderen Familien mitgegeben wird an digitaler Kompetenz und an kritischem Verständnis.

WW: Nun wird aber auch gefordert, dass die Schule, zumindest in der Oberstufe, KI in ihre Arbeit einbeziehen müsse. Geht das, und wenn ja, wie?

DV: Das ist nicht einfach eine Frage der Fortbildung, wir müssen dafür ein Konzept haben, wir müssen Plattformen haben, die sinnstiftend sind. Wir sind dabei, ein Konzept zu entwickeln. Die neuen Medien sind nicht ja nicht per se gut oder schlecht. Es gibt Probleme, da bietet es sich an, digitale Medien zu benutzen, aber damit ist der Lernprozess ja nicht erfasst. Herauszufinden, wo der Einsatz der neuen Medien einen Mehrwert und auch einen Bildungswert schafft, das ist die Herausforderung.

MB: KI bietet gute Möglichkeiten, um zum Beispiel Fehlerschwerpunkte bei SchülerInnen herauszufinden oder in der Leseförderung zu unterstützen. 

CM: Aber ich glaube nach wie vor, gerade in der Grundschule sind die Kernkompetenzen Lesen, Schreiben Rechnen unser „Hauptgeschäft“, und da sind wir richtig gefordert, weil wir bei den Kindern, die zu uns kommen, inzwischen eine enorme Bandbreite an Voraussetzungen vorfinden. 

WW: Der Osdorfer Born ist ein Stadtteil mit besonderen Problemlagen –  Stichworte Armut, Arbeitslosigkeit, Alleinerziehende. Wie wirkt sich das auf die Schulen aus und wie gehen die Schulen damit um?

CM: Wir haben schon seit Jahren das Projekt Brotzeit e.V., das heißt, Kinder können bei uns zum Frühstück kommen; ab 7.30 Uhr können alle Kinder bei uns frühstücken, viele genießen mit anderen in den Tag zu starten, ab 8.00 Uhr frühstücken dann die beiden Vorschulklassen. Finanziert wird das über die Uschi-Glas-Stiftung; das Frühstück wird vorbereitet und betreut  von Ehrenamtlichen (meist RentnerInnen). Dann nehmen wir am EU-Schulprogramm teil, das heißt, jede Woche bekommen wir eine Kiste mit Obst und Gemüse pro Klasse plus Bio-Milch. Und Mittagessen wie jede Ganztagsschule haben wir natürlich auch.

MB: Armut ist ja nicht immer sichtbar und hat meist eine Auswirkung auf das Lernen. Wir haben unser Tagesstruktur so gebaut, dass alle Kinder in der Schule essen. Darüber hinaus machen wir weitere Angebote. Die Kinder können Kurse wählen. Durch eine Kooperation mit der Jugendmusikschule können SchülerInnen im musisch-künstlerischen Bereich selbstwirksam werden.  Außerdem macht eine Sozialpädagogin viele Beratungsangebote.

Dirk Voss, Foto: privat

DV: Ich kann das ergänzen: Frühstück haben wir auch. Bei weiteren materiellen Dingen, wie etwa die Finanzierung von Klassenreisen, ist das deutsche Sozialsystem super: Hamburg hat bei der Finanzierung des Mittagessens ein tolles Programm aufgebaut, und auch der Bund macht das gut. Aber für die, die gerade über der Bedürftigkeitsgrenze sind, da gibt es Schwierigkeiten, Klassenreisen zu finanzieren.
Wichtig ist mir der Bereich Kinderschutz. Denn mit Armut geht ja einher, dass Kinder risikobelasteter aufwachsen als andere Kinder. Wir gehen davon aus, dass Lernen gut funktioniert, wenn man Sicherheit verspürt und Geborgenheit erfährt. Wenn nun etwa im Heimatland Krieg herrscht, dann ist diese Sicherheit nicht da, und das bedeutet für uns als Schule im Osdorfer Born, dass wir schlicht auch noch andere Aufgaben haben als andere Schulen. Wenn die Hamburg-Karte zum Sozialindex den Osdorfer Born als rote Insel in einem grünen Umfeld zeigt, dann bedeutet das für unsere KollegInnen, dass Situationen gemeistert werden müssen, die anderswo so nicht auftreten; da geht es darum, Schule neu zu denken. 

WW: Das Geld, das Stadt und Bund zur Verfügung stellen – reicht das für die oben erwähnten Aufgaben vom Frühstück bis zu zusätzlichen Angeboten?

CM: Wir haben das Glück, dass wir durch eine Stiftung unterstützt werden, die sich gezielt Schulen aussucht und unseren Schulverein fördert, so dass wir Ausflüge mit der ganzen Schule unternehmen konnten, zum Beispiel zu Hagenbecks Tierpark oder zu einem Weihnachtsmärchen – also Aktivitäten, die sich die Eltern meistens nicht leisten können.

MB: Auch wir werden von einigen Stiftungen unterstützt. Wir haben eine Kooperation mit der Philip-Breuel-Stiftung, die viele künstlerische Angebote ermöglicht. Mentor e. V. unterstützt uns mit LesepatInnen. Das Projekt Naturzeit (Stiftung Was Tun! und die Bürgerstiftung Hamburg) stellt uns eine Umweltpädagogin für den Jahrgang 2/3 zur Verfügung.

WW: Welche speziellen Projekte und „Highlights“ gibt es denn an Ihren Schulen?

MB: Wir haben einen musisch-künstlerischen Schwerpunkt. Gerade war „Crossdorf“. Ein weiteres Konzert ist „Kultur im Treppenhaus“. Wir haben eine Tanz- und eine Musikpädagogin. In der Mittagspause haben die Kinder die Möglichkeit, Geige, Gitarre oder Percussion zu lernen und es gibt zahlreiche künstlerische Angebote. Im Rahmen von Startchancen haben wir gerade das Projekt Demokratiewerkstatt gestartet. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was bei uns passiert. 
CM: Wir haben unter anderem einen Naturschwerpunkt, bei dem  eine Dame von außen mit den Kindern in der Umgebung der Schule unterwegs ist. Wir schauen ja raus auf die Feldmark und haben direkt den Schack-See hier; es geht aber auch in den Volkspark und in den Klövensteen.
Dann haben wir ebenfalls die Philip-Breuel-Stiftung mit den künstlerischen Angeboten, und es gibt immer wieder einzelne Aktivitäten, heute zum Beispiel sind drei Klassen in die Elbphilharmonie gefahren. Alle zwei Jahre führen wir ein Präventionsprojekt gegen sexuelle Gewalt durch. Und zum Stichwort Demokratie-Erziehung: Eine sehr engagierte Kollegin betreut  unser Schülerparlament, in Verbindung mit den Klassenräten ab Klasse 1.

DV: Schule ist sehr facettenreich. Ein paar Stichworte möchte ich nennen: Wir haben den YoungClassX-Chor und sind im Sport sehr gut aufgestellt im Skilanglauf. Wir haben eine erfolgreiche Fußballmannschaft und wollen das weiter ausbauen. Dann gibt es Projektwochen, etwa zum Thema Interkulturalität und Identität, und Medientage. Und ich erwähne extra, weil das für viele unserer Schülerinnen nicht selbstverständlich ist und auch bei manchen Eltern Ängste hervorruft: Klassenreisen! Die sind weiterhin ein ganz wichtiger Teil von Schule.
Im Jahrgang 11, und das gehört auch in den Bereich Sprachförderung und Identitätsstiftung, machen wir Poetryslam-Tage, das heißt wir haben einige Tage Poetryslam – nur intern, weil das zum Teil sehr persönliche Texte sind. Und es gibt viele Projekte, die aus den Klassen hervorgehen, zum Beispiel jetzt gerade das Bilderprojekt. Man kann gar nicht alles aufzählen, was in Schulen passiert.

WW: Ein schönes Schlusswort. Frau Bauhaus, Frau Müller-Belau, Herr Voss – vielen Dank für das Gespräch.

Für den Westwind stellte die Fragen Frieder Bachteler

 
 
Carola Müller-Belau, Foto: privat
Maren Bauhaus, Foto: unidatum print GmbH
 

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