Stadtteilmagazin für Osdorf und Umgebung

„Zusammenleben ist ein Tätigkeitswort‟

_____________
 

 

Bei einer  Veranstaltung in der Bücherhalle Osdorf am 1. Juni dieses Jahres stellte das niederländische Autorenpaar Maurice Crul und Frans Lelie sein Buch „Gesellschaft der Minderheiten“ vor.

„Leben in der Superdiversität“ heißt es im Untertitel des Buches, das im Mittelpunkt der  Veranstaltung stand, und dieser Begriff erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Worum geht es den beiden Autoren?

Wie in vielen Ländern Europas gibt es auch in Deutschland Debatten über Migration; das konservative politische Spektrum und ganz speziell die Partei, die sich selbst als „Alternative für Deutschland“ sieht, fordern, Einwanderungen nach Deutschland zu stoppen, ja sogar rückgängig zu machen. „Remigration“ ist das Schlagwort: Deutschland solle Millionen Menschen „mit Migrationshintergrund“  ausweisen. Vor den Hintergrund dieser erbittert geführten Debatten haben Crul und Lelie sehr detailliert die Situation in sechs europäischen Großstädten untersucht: in Wien, Malmö, Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen und Hamburg.

In diesem Artikel sollen insbesondere die Ergebnisse und Erkenntnisse der Untersuchung in Hamburg dargestellt werden, außerdem geht es um die Frage, wie nach Meinung der Verfasser mit der gegebenen Situation umgegangen werden solle.

Was genau heißt eigentlich „mit Migrationshintergrund“? Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes hat eine Person dann einen Migrationshintergrund, „wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt“. Beispiel 1: Beide Eltern sind italienischer Herkunft, sie wurden nach der Geburt ihrer Kinder eingebürgert – die Kinder gehören zur Kategorie „mit Migrationshintergrund“; Beispiel 2: Die Mutter ist Deutsche, der Vater Grieche – die Kinder haben „Migrationshintergrund“; Beispiel 3: Die heutigen Großeltern kamen aus der Türkei und wurden später eingebürgert; ihre Kinder wurden als deutsche Staatsbürger geboren – die Enkelkinder haben also der Definition zufolge keinen „Migrationshintergrund“ – wegen ihres eventuell türkischen Familiennamens nehmen Menschen ohne Migrationshintergrund das allerdings häufig anders wahr!  

Der Website des Statistikamtes Nord zufolge lebten Ende 2025 in Hamburg rund 828.000 Personen mit Migrationshintergrund, davon 419.509 Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Migrationshintergrund haben somit 41,9 Prozent aller Hamburgerinnen und Hamburger; der Anteil ist gegenüber 2024 um 0,7 Prozentpunkte gestiegen. Sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund leben etwa in den Stadtteilen Billbrook (89,1 %) Veddel (76,3 %) und Billwerder (72,0 %) – die häufigsten Herkunfts- beziehungsweise „Bezugsländer“ sind die Türkei, Polen und Afghanistan sowie die Ukraine und Syrien. (Detaillierte Informationen können auf der Website des Statistikamtes Nord eingesehen werden.)

Migration nach Deutschland in nennenswertem Umfang gibt es seit etwa siebzig Jahren. In der ersten Hälfte dieser sieben Jahrzehnte waren die Einwanderer vor allem aktiv angeworbene Arbeitskräfte. „Unter anderem weil das inländische Arbeitskräftepotenzial nicht ausreichte, um die Nachfrage zu decken“, so die Bundeszentrale für politische Bildung, wurden über Vereinbarungen mit Italien 1955 und mit Griechenland und Spanien 1960 sowie in den Folgejahren mit der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien Arbeitskräfte aus diesen Ländern angeworben.  Wenn heute also in Hamburg von den Menschen mit Migrationshintergrund mehr als 12 Prozent, also rund 100.000, einen Bezug zur Türkei haben, so ist deren „Migrationshintergrund“ der damalige Wunsch der deutschen Wirtschaft nach mehr (und billigeren) Arbeitskräften. In der zweiten Hälfte dieser sieben Jahrzehnte, also in den letzten 35 Jahren, sind Menschen aus sehr vielen Ländern und aus vielen unterschiedlichen Gründen nach Deutschland eingewandert; kontroverse Diskussionen entstanden insbesondere anlässlich der Migration nach Deutschland seit 2015. 

Mit Blick auf die oben beschriebene aktuelle Situation – knapp 42 Prozent der HamburgerInnen haben einen Migrationshintergrund – ziehen die niederländischen Autoren einen ersten Schluss: Zwar gibt es in Hamburg insgesamt eine Mehrheit von 58 Prozent Menschen ohne Migrationshintergrund, aber in einem Viertel bis einem Drittel der Stadtteile ist die Situation die, das es keine „Mehrheit“ mehr gibt, mit anderen Worten, die Menschen ohne Migrationshintergrund sind eine Minderheit neben vielen anderen Minderheiten – die Autoren sprechen von der „Mehrheitlich-Minderheiten-Stadt“ oder aber der „superdiversen“ Stadt. In Hamburg gilt das für einzelne Stadtteile, „in einer ganzen Reihe von Städten“, so schreiben Clus und Lelie in ihrem Buch, „wie etwa Frankfurt, Antwerpen, Brüssel, Amsterdam, Rotterdam oder Malmö stellen sie [MigrantInnen sowie ihre Kinder und Enkelkinder; F. B.] aktuell sogar die Bevölkerungsmehrheit.“ 

 

Das hat, so die Verfasser der Studie, Konsequenzen. Zu Zeiten der Ankunft der ersten Migranten in dem jeweiligen „Aufnahmeland“ war man ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Integration so zu verstehen sei, dass sich die Neuankömmlinge in allem dem Gastland anzupassen hätten. In einer aus vielen Minderheiten zusammengesetzten Gesellschaft aber gehe es darum, die Praxis des Zusammenlebens anders und gemeinsam zu entwickeln. 

Das sehen in den Aufnahmeländern nicht alle so. Nicht selten wird von einheimischen Kritikern der Diversität geäußert, dass sie als Menschen ohne Migrationshintergrund sich in der diversen Stadt nicht mehr zu Hause fühlen würden, und in vielen europäischen Ländern finden Parteien Zulauf, die von einem „Bevölkerungsaustausch“ reden, der angeblich politisch gewollt sei. Clus und Lelie weisen diese Argumentation zurück: Die Menschen sind heute grundsätzlich global miteinander verbunden, internationale und interkulturelle Beziehungen sind sowohl auf wirtschaftlicher Ebene wie im persönlichen Bereich quasi Standard. Von Arbeitskräften für die Autoindustrie über Helfer bei der Spargelernte bis zu Fernreisen deutscher Minister zur Anwerbung von Pflegekräften aus aller Welt, von privaten internationalen Beziehungen bei Schüleraustauschprogrammen über interkulturelle Ehen als Folge von Urlaubsreisen bis zu großen Fluchtbewegungen aufgrund von Katastrophen, Kriegen oder politischen Verfolgungen: Migration findet statt! „Die populistische Rechte verkauft Einwanderungspolitik als etwas, das von den Aufnahmeländern geregelt wird. Doch in der Praxis hängt sie (…) erwiesenermaßen von der Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitsmigranten und von den Menschen ab, die sich auf der Suche nach einem besseren Leben, Sicherheit und einer Zukunft für ihre Kinder trotz aller Unsicherheiten und Risiken für die Migration entscheiden.“

Die Autoren verweisen auf einen anderen wichtigen Aspekt: Das Zusammenleben von Menschen, die in einigen Bereichen sehr verschieden sind, wird sich nicht von selbst zum Besten regeln. Gefühle des Verdrängtwer-dens und der Entfremdung auf der einen Seite, Erfahrungen von Nicht-Akzeptanz und Diskriminierung auf der anderen – solche unterschiedlichen Wahrnehmungen müssen zur Kenntnis genommen und über sie muss gesprochen werden, ohne fremdenfeindliche oder gar rassistische Untertöne. Denn in einer diversen Stadt muss vieles ausgehandelt werden, ein positives Lebensgefühl hängt davon ab, dass eben nicht einfach nebeneinanderhergelebt wird. Immer wieder, dieses Beispiel führen die Autoren an, gibt es Klagen und Konflikte in Bezug auf die Themen Vermüllung und Unsicherheit auf der Straße. Menschen, die der Migration gegenüber grundsätzlich negativ eingestellt sind, machen dann gerne Menschen mit Migrationshintergrund als „Täter“ aus. Geht man jedoch davon aus, dass die große Mehrzahl der Menschen mit Migrationshintergrund Vermüllung  und Gefühle der Unsicherheit als ebenso störend wahrnimmt wie man selbst, ist die Möglichkeit gegeben, sich gemeinsam des Problems anzunehmen.

Dafür ist es erforderlich, dass man sich kennt, dass man in Kontakt ist und Orte und Gelegenheiten hat, in denen Probleme verhandelt werden können. Clus und Lelie zitieren in diesem Zusammenhang den amerikanischen Soziologen Richard Alba: „Assimilation geschieht, während man andere Dinge tut“. Es geht also nicht in erster Linie darum, formelle Verhandlungsgremien zu schaffen, sondern vielmehr darum, auf vielen Ebenen miteinander zu tun zu haben, zusammen Fußball zu spielen, sich auf Elternabenden auszutauschen, gemeinsame Feste zu feiern, sich in der Nachbarschaft gegenseitig zu helfen und vieles mehr, wobei bei solchen Begegnungen auch Themen jenseits des konkreten Anlasses besprochen werden können.

Drei Möglichkeiten, so resümieren die niederländischen Wissenschaftler, gebe es, auf die heutige, die „superdiverse“ Gesellschaft zu blicken: 
• mit einer migrations- und diversi-tätsfeindlichen Haltung: Man strebt eine „homogene“ Gesellschaft an und lebt somit, wie sie es nennen, rückwärtsgewandt (wobei es eine „homogene deutsche Gesellschaft“ so ohnehin nie gegeben hat);
• mit einer traditionellen Vorstellung von Integration: Man verlangt die einseitige Anpassung der Menschen mit Migrationshintergrund an die Aufnahmegesellschaft und versucht somit, einen vermeintlichen Idealzustand zu konservieren – der sich aber aus offensichtlichen demografischen Gründen nicht konservieren lassen wird.
• mit der Idee einer Integration in Viel-falt: Man entwickelt ein Konzept, das sich darum bemüht, Voraussetzungen und Kriterien für die gelingende Praxis  einer vielfältigen Gesellschaft zu suchen, in der Identitäten nicht aufgegeben, sondern respektiert werden.

Solche Konzepte werden nicht nur, aber ganz wesentlich „vor Ort“ entwickelt – in Städten und in Stadtteilen, gemeinsam und solidarisch, auf der Basis vielfältiger Kontakte. 

Frieder Bachteler

DATENSCHUTZ | IMPRESSUM