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Der Mut wird größer, die Angst kleiner

Der Jamliner, in dem Jugendliche eigene Songs aufnehmen können, steht wieder montags am Osdorfer Born

 

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Die „musikalische Buslinie“ steht montags in der Nähe des Born Centers. Ein alter HVV-Bus, der zu einem Tonstudio umgebaut wurde und „Jamliner 1“ heißt. Auch Instrumente wie Schlagzeug, Gitarre oder Keyboard sind an Bord. In einer Jam-Session musizieren Leute zusammen, die normalerweise nicht in einer Band zusammenspielen. So wie die Schüler der nahen Geschwister-Scholl-Stadtteilschule.

Die haben meist noch keine Instrumenten-Erfahrung, proben aber mit zwei Musiklehrern der Staatlichen Jugend-Musikschule ein halbes Jahr, bis sie am Ende eine CD mit eigenem Cover aufgenommen haben. Die Musiklehrer Gunnar Freitag und Patrick Müller, die sich lieber nur „Musiker“ nennen, um den Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen, arbeiten im Osdorfer Born mit sechs Gruppen von fünf Schülern.

Insgesamt gibt es für das Jamliner-Projekt zehn Lehrer und zehn Standorte in sozialen Brennpunkten, etwa auch in Billstedt, Steilshoop oder St. Pauli. Es wird von der Staatlichen Jugend-Musikschule umgesetzt und von der Intitiative NestWerk des früheren TV-Moderators Reinhold Beckmann gefördert. NestWerk hat auch einen zweiten Bus gespendet.

Die Kinder, die freiwillig kommen, tun sich dann in einer Band zusammen. Die heißen etwa „Die Flammen“ oder „Girls Only“. Aus aller Herren Länder kommen sie meist, es sind „bunte“ Gruppen, wie Patrick Müller sagt. Und sie einigen sich dann jeweils, ob sie eher Rap, Rock oder eine Ballade spielen wollen. Alles wird zusammen erarbeitet – die Musik, der Text, das Coverbild. Wobei die Lehrer Wert darauf legen, dass die Texte sich eher auf deren eigenes Leben beziehen und nicht auf die gern genommene Vision vom „Tellerwäscher zum Millionär“, wie Gunnar Freitag sagt.

Am Anfang ist oft große Unsicherheit, nach einem halben Jahr und mit eigener CD ist dann der Stolz das größte Gefühl der Schüler. Wie es im Jamliner-Song von Gunnar Freitag im Refrain heißt: „Der Mut wird größer und die Angst wird kleiner.“ Die Entwicklung ist offenkundig: Das Selbstbewusstsein wächst. Man lernt, auch Konflikte und Durststrecken durchzustehen und das Ziel zu erreichen.

Im Osdorfer Born sprechen die Lehrer von „abwechslungsreichen“ und „charakterstarken“ Gruppen. Es wird praktiziert, was im Jamliner-Song so beschrieben wird: „Der Jamliner, der steht für Toleranz. Diskriminierung hat hier keine blasse Chance.“ Und am Schluss, wenn die CD fertig ist, sei das jedesmal ein „erhabener Moment“, findet Patrick Müller.

Vor zwei Jahren war das 20-jährige Jubiläum, das Fest dazu musste wegen Corona ausfallen. Während dieser Zeit gab es nur Videokonferenzen, es wurde an Textideen gearbeitet und die Lehrer versuchten, den Kontakt zu den Jugendlichen zu halten. Anfang Juni wurde das Fest endlich nachgeholt. Erstmals durften die Gruppen wieder live auftreten vor den anderen Jamliner-Mitwirkenden, wie es normalerweise zweimal im Jahr üblich ist.

Am Mittelweg, wo die Jugendmusikschule ihr Zentrum hat, haben diverse Bands ihren Auftritt gehabt. Schulsenator Ties Rabe hat ebenso gesprochen wie Schuldirektor Professor Guido Müller. Reinhold Beckmann war immerhin mit einer Videobotschaft dabei.

Jörg Marwedel

Oben: Immer montags:
der „Jamliner 1“ im Osdorfer Born

Links: Im Bus:
Patrick Müller (l.) und Gunnar Freitag

Fotos: Jörg Marwedel

 

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