Stadtteilmagazin für Osdorf und Umgebung

„Das Gefühl, unfair behandelt worden zu sein“

 
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Die Schülerinnen und Schüler des diesjährigen Abiturjahrgangs haben fast die gesamte Oberstufe unter wechselnden Corona-Regelungen absolvieren müssen. Mit Emily Amblank, Sylwia Grabek und Aleyna Öztürk, Abiturientinnen der Geschwister-Scholl-Stadtteilschule, sprach der Westwind über das Lernen für das Abitur in schwierigen Zeiten.

Aleyna, Emily und Sylwia, wie viele Wochen hattet ihr keinen Präsenzunterricht?

S: Es hat in der 11. Klasse angefangen und hat sich bis Ende der 12. hingezogen, mit Unterbrechungen also etwa ein Jahr.

Und wie war das: „Hurra, keine Schule“? oder eher „Oh, oh, wie soll ich da das Abi schaffen?“

S: Am Anfang hatte man zwei Gefühle. Erst mal: keine Schule, nicht um sieben aufstehen! Aber danach hatte man den zweiten Gedanken, etwas realistischer: Ich muss ja das Abi machen, und wir hatten Angst, dass wir das nicht schaffen.

A: Ja, nach einiger Zeit hat man gemerkt, nee, das geht nicht, man muss sich jetzt wirklich ransetzen.

Was ist durch Videokonferenzen ersetzt worden und was nicht?

A: Wir haben eine bestimmte Plattform benutzt, moodle. Es ist praktisch der gesamte Stundenplan abgedeckt worden. Es hat aber technisch nicht immer alles geklappt. Vor allem am Anfang ging das gar nicht gut, die Lehrer waren zum Teil auch überfordert, aber mit der Zeit hat es dann funktioniert.
S: Die Plattform war manchmal überlastet, deshalb hatten wir auch mal Unterricht um 16 Uhr. Manchmal gab es auch keine Videokonferenz, dann haben wir nur Aufgaben bekommen.

Wart ihr zu Hause technisch angemessen ausgestattet?

A: Geräte hatte ich, also Handy, Laptop und Computer. Schüler*innen, die zuhause nicht angemessen technisch ausgestattet sind, konnten sich von der Schule Laptops ausleihen.

E: Ich komme von außerhalb von Hamburg, und bei mir ist manchmal total schlechtes Internet, so dass ich dann zu Freunden fahren musste, um am Unterricht teilnehmen zu können. Am Anfang hatten die Lehrer Verständnis, aber irgendwann hat man Fehlstunden gekriegt, wenn man aus der Konferenz geflogen ist.

S: Bei mir ging das. Ich habe mich dafür entschieden, am Laptop zu arbeiten und auf dem Handy die Teilnehmer zu sehen.

Saßen denn die Lehrerinnen und Lehrer an ihren eigenen Geräten?

A: Während des Lockdowns ja. Später waren sie dann auch in der Schule.

Konnten die Lehrerinnen und Lehrer mit der Technik umgehen?

S: Das kam natürlich auch auf den jeweiligen Lehrer an. Ich denke, sie haben auch Erklärungen bekommen.

Gab es denn Momente, in denen ihr euch schlecht oder überfordert gefühlt und eure Situation als ungerecht empfunden habt?

E: Auf jeden Fall! Manchmal hat man die Aufgabe nicht verstanden und hat dann aufgegeben. Das waren Situationen, wo ich dachte, ich bin überfordert, ich weiß nicht, wie ich mir das selber beibringen soll, gerade in Fächern, die mir nicht so liegen.

A: Es gab eben Fächer, in denen wir nur Aufgaben bekommen haben und uns den Unterrichtsstoff selbst erarbeiten mussten. Und ohne Videokonferenz kann man dann nicht direkt nachfragen.

S: Ich wollte meinen sehr guten Schnitt unbedingt halten. So saß ich manchmal von morgens bis abends um 23 Uhr am Schreibtisch; einige Themen, zum Beispiel in Mathematik, waren eben sehr schwierig.
Wir mussten in allen Fächern – jede von uns hat so elf, zwölf Fächer – eine Klausur schreiben, sogar in Sport. Und die Aufgaben waren wirklich sehr schwer.

A: Wir sollten eigentlich in den Abiturfächern Erleichterungen bekommen, aber es wurden nur kreative Aufgaben herausgestrichen und keine inhaltlichen Anforderungen. Und die mündliche Prüfung wurde eher zum Negativen geändert: Statt 15 Minuten Präsentation und 15 Minuten Fachgespräch sind es jetzt 10 Minuten Präsentation und 20 Minuten Fachgespräch. Damit wurde auch die prozentuale Gewichtung für die Noten geändert. Dies macht es vielen Schüler*innen umso schwieriger.

E: Wir sind der erste Jahrgang mit dieser Regelung, und das ist ja keine Erleichterung, sondern eine Erschwerung.

S: Die Erleichterung, die wir bekommen haben, waren 30 Minuten mehr Zeit in der schriftlichen Prüfung.

A: Aber dafür waren die Aufgaben in Englisch und, wie ich mitbekommen habe, auch in Mathematik wirklich sehr schwer.

Hattet ihr in euren Lerngruppen viel Kontakt untereinander?

E: In der Zeit des Lockdowns gar nicht.

A: Man kommt ja im Profil mit vielen neuen Leuten zusammen, in unserem Fall auch noch aus zwei Schulen, und aus meiner Sicht ist kaum eine Klassengemeinschaft entstanden – früher hat man sich getroffen, man hat Ausflüge gemacht und so weiter, jetzt hatte man wegen der Pandemie keinen richtigen Kontakt.

E: Mir ist es nicht schwer gefallen, mit meiner Tutorenklasse Kontakt zu knüpfen, aber in der Lockdown-Zeit habe ich die anderen Klassen über-haupt nicht kennengelernt.

S: Wir haben uns schon über Schulthemen ausgetauscht, aber über Whatsapp. Und als wir uns dann wieder im Unterricht gesehen haben, war es sehr komisch: Wir kannten uns gar nicht, wussten nicht, wer wer ist.
E: Es ist so, dass es Leute gibt, mit denen ich noch nie ein Wort gewechselt habe, manchmal weiß ich nicht mal deren Namen.

Und der Kontakt zu den Lehrerinnen und Lehrern?

A: Zu den Tutoren war es einfacher, ihnen konnten wir über moodle privat schreiben oder auch per Mail. Auch hier konnte aufgrund der Pandemie kaum eine Bindung zueinander entstehen.

S: Es kommt immer auf den Lehrer an. Einige haben uns ihre
Telefonnummer gegeben; andere nicht, die konnten wir nur über moodle erreichen. Aber manchmal musste man ein paar Tage auf die Antwort warten.

 

Nach Partys brauche ich ja wohl gar nicht zu fragen. Aber eine Abiturfeier könnt ihr doch jetzt wieder machen?

A: Letztes Jahr war es ja gar nicht möglich. Wir könnten tatsächlich wieder eine Feier machen. Aber jeder feiert für sich beziehungsweise mit seinen Freunden.

E: Ich denke, der Grund, dass es keine gemeinsame Abifeier gibt, ist, dass wir uns einfach nicht genug kennen.

S: Aber wir wollen doch etwas machen: Nach der Zeugnisverleihung wollen wir uns noch in der Schule treffen und miteinander reden.

Es ist in der Pandemie oft geschrieben worden, dass eure Schülergeneration gegenüber den vorherigen benachteiligt ist. Seht ihr das auch so?

A, E, S: Ja.

Und macht ihr euch Sorgen, dass sich das auch in der Ausbildung, im Studium und im Beruf niederschlagen könnte?

 

E: Ich würde sagen, teils, teils. Bei einigen wird sich das insofern niederschlagen, als sie im Abitur nicht so gut sind, wie sie hätten sein können. Andererseits habe ich gelernt, selbstständiger zu sein, allein zu sein und selbstständig zu lernen, und das ist etwas Positives, das man mitnehmen kann ins Studium.

Ich glaube nicht, dass ich nun mein Leben lang gestraft bin. Aber ich werde vielleicht mein Leben lang das Gefühl haben, dass ich unfair behandelt worden bin. Die Noten werden später vielleicht nicht mehr relevant sein, aber für mich, in mir drin, sind sie relevant.

Habt ihr eine Idee, wie man es hätte fairer machen können?

E: Wir haben als Arbeiten die Klausuren vom letzten Jahr geschrieben, und da haben viele sehr gut abgeschnitten, mit den Erleichterungen vom letzten Jahr. Jetzt haben wir alle mitbekommen aus den Medien, das Mathe-Abitur soll diesmal viel zu schwer gewesen sein, das Englisch-Abitur auch. Die Schüler vom letzten Jahr fanden das Abitur fair, bei uns war es das nicht.

A: Es hätte inhaltliche Erleichterungen geben müssen und nicht nur mehr Zeit. In einigen Fächern wurde nichts gestrichen, und wenn doch, dann kreative Aufgaben, mit denen man noch ein paar Punkte hätte machen können.

E: Wenn ich die Aufgabe nicht verstehe, weil ich mir das Thema selbst beibringen musste, dann helfen mir die dreißig zusätzlichen Minuten auch nicht.

Du hattest das Thema schon angesprochen, das wäre auch meine nächste Frage gewesen: Zieht ihr auch positive Erfahrungen aus diesen zwei Jahren?

A: Wie Emily kann auch ich sagen, dass ich gelernt habe, selbstständig zu lernen.

S: Und es gibt noch eine wichtige Erfahrung, das ist die Teamarbeit. Wir haben oft Gruppenarbeit gemacht. Es gab Gruppen, die sehr gut zusammengearbeitet haben, aber auch welche, in denen nicht alle gut mitgemacht haben. Auch da musste man dann selbstständig arbeiten.

Und euer Fazit?

E: Die, die jetzt Lehrer sind oder in der Behörde, hatten ihre Jugend mit Partys und konnten ihre Freiheit genießen; wir konnten das nicht, saßen zu Hause und konnten unsere Freunde nicht sehen, und die Behörde und auch einige Lehrer, die sehr streng bewertet haben, hätten berücksichtigen können, dass wir es mental nicht so leicht hatten wie andere Jahrgänge vor uns.

A: Es ist ein Unterschied, ob man im Unterricht ist und nachfragen kann oder ob man stundenlang allein am Schreibtisch sitzt und sich vorberei-tet.

S: Ich will das aufgreifen. Man hatte sozusagen die Entscheidung, eine Zwangsentscheidung, ob man das Privatleben bevorzugt oder sich für das Lernen entscheidet, denn die Balance, die es gibt, wenn man „normal“ Schule hat, die hatten wir nicht. Ich zum Beispiel habe mich für die Schule entschieden, und ich habe meine Noten gehalten. Aber meine Freundschaften sind dabei zu kurz gekommen.

Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Gespräch genommen habt! Für die mündliche Abiturprüfung, die ihr noch vor euch habt, wünsche ich euch viel Erfolg und für eure weiteren Vorhaben alles Gute.

Frieder Bachteler

 Emily Amblank, Sylwia Grabek und Aleyna Öztürk.

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