Stadtteilmagazin für Osdorf und Umgebung

„Eine Bleibe für die nicht Begüterten“

Die Siedlergemeinschaft Osdorf-Mitte einst und jetzt

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Um zu verstehen, warum sich in Osdorf Menschen in der „Siedlergemeinschaft Osdorf-Mitte“ treffen, braucht es zunächst einen Blick ein knappes Jahrhundert zurück.

„Was in bitterster Not und bei schwerster körperlicher Arbeit als einfache Stadtrandsiedlung in Angriff genommen wurde, entwickelte sich zu einer idyllischen Wohnsiedlung im Grünen.“ Mit diesen Worten würdigte im Jahr 1982 der damalige 1. Vorsitzende der „Siedlergemeinschaft Osdorf-Mitte e. V.“ Günter Bergmeier das 50-jährige Bestehen der 1932 gegründeten Siedlung. Bei „Siedlung“ und „Siedlern“ mag mancher an Trecks durch den Wilden Westen Nordamerikas denken; ganz so „wild“ waren die Verhältnisse nicht, aber, wie der damalige Ortsamtsleiter Hans-H. Ploen ebenfalls in der Festschrift schrieb, es „fanden sich Menschen zusammen, die sicher nicht zu den Begüterten gehörten, um sich und ihren Familien eine Bleibe zu schaffen.“


Voraussetzung für das Entstehen der neuen Siedlung war das „Reichsheimstättengesetz“ vom 10. Mai 1920, das dem in der Weimarer Verfassung formulierten Ziel dienen sollte, „jedem Deutschen eine gesunde Wohnung und allen deutschen Familien, besonders den kinderreichen, eine ihren Bedürfnissen entsprechende Wohn- und Wirtschaftsheimstätte zu sichern.“ Aufgrund verschiedener weiterer Bedingungen und Beschränkungen wurden die mit diesem Gesetz verbundenen Ziele zwar bei Weitem nicht erreicht, es entstanden bis zum Jahr 1933 aber doch etwa 20.000 „Heimstätten“.

Immerhin 211 davon wurden 1932 in Osdorf errichtet, auf einem Gelände, das vorher von Osdorfer Bauern als Pachtland genutzt worden war und das heute von den vier Straßen Blomkamp, Grubenstieg, Rugenbarg und Flurstraße begrenzt wird. Osdorf hatte bis 1927 zu Schleswig-Holstein gehört und war am 1.7.1927 in die damals noch selbstständige Stadt Altona eingemeindet worden. „Zu dieser Zeit“, so Günter Bergmeier in seinem historischen Überblick, „lebten ca. 300 Bewohner, vorwiegend Jugendliche, in dem 1871 gegründeten Landpflegeheim, welches als eine Art Erziehungsanstalt bzw. Armenhaus fungierte.“

Eigenarbeit und Nachbarschaftshilfe
Und zu Recht spricht der Chronist von „schwerster körperlicher Arbeit“, denn die zukünftigen Heimstättenbesitzer mussten sich verpflichten, einen Teil der anfallenden Arbeiten selbst zu verrichten – immerhin unter sachkundiger Anleitung; Eigen- und Nachbarschaftshilfe wurden als selbstverständlich angesehen. Ebenso selbstverständlich war in den ersten Jahrzehnten die Pflichtmitgliedschaft in der Siedlergemeinschaft.
 „Aus den damals uniformen Siedlungshäusern sind durch bauliche Veränderungen schmucke Eigenheime geworden, die in ‚besseren Zeiten‘ dem Wunsch nach Komfort und Individualität Rechnung tragen. Auch die Gärten spiegeln heute die Freude am Schönen wider; sie sind nicht mehr geprägt vom damals so lebensnotwendigen Anbau von Gemüse und Kartoffeln“ – so sah es im Jahr 1982 die damalige Leiterin der Ortsdienststelle Osdorf, Margot Heinrich. Diese Entwicklung hat sich bis heute fortgesetzt, so dass das ursprüngliche Aussehen der Siedlung nur noch in Teilen erkennbar ist, am ehesten im Mohnstieg.

Eine Schule war in der Siedlung ursprünglich nicht geplant, aber schnell zeichnete sich ab, dass die in Osdorf vorhandenen Schulen die Zahl der SchülerInnen nicht aufnehmen konnten – die Klassenfrequenzen waren bis auf 50 gestiegen. 1937 wurde mit anfangs 343 SchülerInnen die „Hans-Schemm-Schule“  eröffnet, benannt nach dem Gründer des „Nationalsozialistischen Lehrerbundes“. Die Schule wurde später umbenannt in Schule am Diestelweg, dann Schule am Schafgarbenkamp, schließlich Schule Lupinenweg. Ende 1948 wurde Loki Schmidt als Lehrerin an diese Schule versetzt. Sie beklagte sich bald über den dort herrschenden strengen, konventionellen Stil und dass die Schulleitung noch nie etwas von Reformpädagogik gehört habe. Bereits 1949 bewarb sie sich erfolgreich um eine Versetzung an die Schule Hirtenweg in Othmarschen. Nachdem die Schule Anfang der 1950er-Jahre von zeitweise über 1000 SchülerInnen besucht wurde, wurde sie An-
fang der  80er-Jahre wegen unzureichender Schülerzahl geschlossen. Bis heute erhalten ist die ursprüngliche Turnhalle.
 
Und damit wären wir in der Gegenwart angekommen, denn nicht nur wurde die Turnhalle hier und da für Siedlerveranstaltungen genutzt, sondern auch das Pflegeheim „Service-Leben Lupine“, das sich im ehemaligen Schulgebäude befindet, dient mit seiner Cafeteria hier und da der Siedlergemeinschaft als Treffpunkt. Aus der Pflicht-Siedlergemeinschaft ist ein Verein geworden, erzählt die seit zwölf Jahren amtierende Vereinsvorsitzende Karmen Albrecht. Etwa 110 der derzeitigen SiedlungsbewohnerInnen sind Vereinsmitglieder, der achtköpfige Vorstand setzt sich für den Zusammenhalt der Bewohnerschaft ein, gestaltet ein aktives Vereinsleben und gewährleistet die Vernetzung mit anderen Osdorfer Vereinen. Vom Kin-derfasching über Sommerfest und Laternenumzug bis zur Weihnachtsfeier bietet der Vereinskalender eine bunte Mischung von Veranstaltungen, zu denen auch Tanz in den Mai oder Grünkohlessen gehören – und das nicht nur für Mitglieder, Gäste aus ganz Osdorf sind willkommen!

Vereinsleben und Interessenvertretung
Ebenso wichtig, so Karmen Albrecht
ist der Verein aber auch als Interessenvertretung der Mitglieder gegenüber Behörden und Ämtern. Das Reichsheimstättengesetz sah seinerzeit ja eine Reihe von Restriktionen vor – etwa die, dass die Grundstücke nicht für eine mögliche engere Bebauung geteilt werden durften. Diese Regelung ist inzwischen für die Eckgrundstücke aufgehoben, so dass die Zahl der Wohnungen im Laufe der Jahre auf etwa 300 angestiegen ist; auch in Bezug auf die anderen Grundstücke wollte die Stadt die sogenannte „hintere Bebauung“ ermöglichen, wofür es aber nach einer Umfrage des Vereins keine Mehrheit unter den BewohnerInnen gibt.

Während der Verein sich also für die Heimstätte seiner Mitglieder und der BewohnerInnen einsetzt, ist er, wie Karmen Albrecht berichtet, selbst „heimat-los“ – es gibt kein Vereinslokal. Neben dem schon erwähnten früheren Treffpunkt Turnhalle und der Cafeteria der Lupine finden Veranstaltung auch im Heidbarghof und gelegentlich in Räumen der Kaserne statt. Ein geeigneter Raum freilich wäre vorhanden: der Nebenraum der Turnhalle, der, obgleich nur sehr selten belegt, nach den geltenden Bestimmungen aber nur von Vereinen genutzt werden darf, die Mitglied im Hamburger Sportbund sind. Der Raum könnte abgetrennt und zum Stadtteilraum umgewandelt werden – vielleicht ein lohnendes Thema für die Bezirkspolitik!

Karmen Albrecht jedenfalls sieht die Zukunft des Vereins optimistisch und hat vor einiger Zeit ein neues Projekt mit angeschoben: das Tauschhaus, ein jetzt schon viel genutztes kleines Häuschen im Ritterspornweg, über welches zahlreiche Gegenstände, die die einen nicht mehr benötigen und die den anderen gute Dienste leisten können, neue Eigentümer finden – auch dies, wie der Einsatz im Verein, praktische Sozialarbeit vor Ort.

Frieder
Bachteler

Das kommt uns doch bekannt vor:
In der Jubiläumsschrift zum 50-jährigen Bestehen der SGO 1982 schreibt Günter Bergmeier „Nun aber noch einmal in die Vergangenheit,“ (gemeint ist das Jahr 1937) „wie war es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bestellt? Einfach gesagt: schlecht!“

Auch in der Wohnungsfrage von den Altvorderen lernen: Gustav Oelsner, 1932 Bausenator in Altona unter Bürgermeister Max Brauer, später Emigrant in der Türkei und ab 1949 Referent unter Bausenator Paul Nevermann, schrieb 1932: „Die Bodenreformer hatten gesagt, Boden ist keine Ware! Diese Weisheit, die an allem Anfang steht, hat in diesen Jahren eine ernste Ergänzung bekommen. Auch die Wohnung der Besitzlosen ist keine Ware. Die Forderung, Brot, Wohnung und notwendige Kleidung auch den Ärmsten zu liefern, ist heute nicht mehr eine Aufgabe nobler, aber verschwommener Philanthropie, sondern ein unausweichbares wirtschaftliches Exempel.“

Mitgliedsbuch aus den 30er-Jahren
„Schwerste körperliche Arbeit“
Fotos: Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum
Mohnstieg 2024 
Foto: Frieder Bachteler

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