Stadtteilmagazin für Osdorf und Umgebung

„Wir sind die Sinti-Generation, die nicht mehr schweigt“

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Die Bezirksversammlung hat am 23. April den Altonaer Kinder- und Jugendpreis für das Jahr 2025 an Ann-Kristin Schulte-Westhof und Dr. med. Kira Menz vom Herzretter e.V. sowie an Giselle Reinhard und Givenchy Wilms vom Sinti-Verein zur Förderung von Kindern und Jugendlichen e.V. verliehen. Dieser Preis ehrt Personen oder Institutionen, die ehrenamtlich im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit in Altona tätig sind. Mit den beiden Preisträgerinnen vom Sinti-Verein, der seinen Sitz im Achtern Born hat, sprach für den Westwind Frieder Bachteler.

ww: Frau Reinhard, Frau Wilms, herzlichen Glückwunsch zum Altonaer Kinder- und Jugendpreis! In der Begründung für die Preisverleihung werden insbesondere Ihr Kunst- und Ihr Antiziganismusprojekt angeführt. Worin besteht das Kunstprojekt und welche Ziele verfolgen Sie mit ihm?
GR: Wir haben die Erfahrung ge-macht, dass es nicht viele Kenntnisse über Sinti und Roma gibt und dass – zum Beispiel im Geschichtsunterricht – auch nicht viel über sie gesprochen wird, obwohl das beim Thema NS-Zeit eigentlich angebracht wäre. Wir haben uns deshalb überlegt, eine Ausstellung mit eigenen Kunstwerken zu machen, in denen es um uns Sinti und Roma, unsere Vorfahren und unsere Familien geht, und in denen wir uns damit auseinandersetzen, was in der NS-Zeit geschehen ist.

ww: Was für Kunstwerke sind das?
GW: Es geht um Bilder, Collagen, Porträts, auch um ein Modell. Wir sind aber noch am Arbeiten und möchten jetzt nicht zu viel verraten. Im August wollen wir fertig sein und unsere Werke dann ausstellen, hier im Osdorfer Born, vielleicht auch im Altonaer Museum oder im Hamburger Rathaus, auf jeden Fall für alle zugänglich. Und wir möchten gerne Schulklassen einladen, sich die Ausstellung mit uns zusammen anzusehen, und wollen sie damit motivieren, sich mit der Geschichte der Sinti und Roma zu beschäftigen. Wir möchten also Geschichte mit künstlerischen Ausdrucksformen vermitteln, weil Kunst die Menschen oft anders erreicht als die Aufzählung von Fakten und Zahlen. Kunst ist unsere Leidenschaft, und wir denken, dass wir durch unsere kreative Arbeit Räume schaffen für Begegnungen und für einen Dialog.  

ww: Sie machen auch ein Antiziganismusprojekt. An welche Altersgruppe richtet es sich und was sind die wesentlichen Elemente?
GR: Auch da geht es uns um Aufklärung. Wir arbeiten mit Kindern und Jugendlichen im Alter von etwa 10 bis 18 Jahren zusammen, wir bieten Präsentationen an und machen Workshops. Aufklärung ist uns deshalb wichtig, weil es ja weiterhin viele Vorurteile gibt und weil Kinder und Jugendliche mit dem Z-Wort nur so um sich werfen, ohne dass sie wirklich wissen, was es bedeutet.
GW: Zum Beispiel hat eine Schule, die 
eine Antirassismus-Woche durchge-führt hat, bei uns angefragt, und ich habe dort einen Workshop gegeben 
über Antiziganismus und Empowerment und habe mit einem Powerpoint-Vortrag über Rassismus begonnen. Oder ein anderer Fall: Mein Cousin wurde in seiner Schule rassistisch beleidigt. Wir konnten dann in Absprache mit den Lehrern in seine Klasse gehen und haben dort mit den Schülerinnen und Schülern über das Z-Wort gesprochen. 

ww: Wie erreichen Sie die Schulen?
GW: Die Schulen kommen meistens auf uns zu. Ein Workshop dauert in der Regel zwei Stunden, ich beginne mit einer Powerpoint-Präsentation, erzähle von eigenen Erfahrungen, dann gibt es eine Fragerunde; wir gehen ganz viel in das direkte Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern. 

ww: Können Sie sagen, was Sie bewirken? Gehen die Schülerinnen und Schüler anschließend anders um mit Sinti- und Roma-Kindern und auch mit anderen?
GW: Ja, ich erlebe, dass viele nach meiner Powerpoint-Einführung geschockt sind und viele Nachfragen haben. Sie sagen dann: Das habe ich ja gar nicht gewusst, das ist ja schlimm, das hat man uns bisher gar nicht erzählt. Das Thema interessiert sie, das merkt man.

ww: Welche Erfahrungen und Erleb-nisse haben Sie motiviert, aktiv zu werden?
GR: Bei mir war es so, dass ich in der Schule eigentlich keine Probleme hatte, obwohl ich von Anfang offen kommuniziert habe, das ich eine Sintizza bin. Aber als ich als Schülerin auf der Suche nach einem Mini-Job war, habe ich als Muttersprache Romnes angegeben, und ich habe, obwohl ich sehr viele Bewerbungen abgeschickt habe, nie eine Zusage bekommen; als ich dann Romnes rausgenommen und Deutsch angegeben habe, hatte ich sofort eine Zusage. Und wenn nach der Herkunft gefragt wird und ich sage „Ich bin Deutsche“, dann kommt oft: Ja, das kann ja gar nicht sein, da muss doch noch etwas anderes sein.

GW: Mir hat zum Beispiel in meiner Klasse ein Junge gesagt, du hast ja kein Land, du bist doch – es folgte das Z-Wort; unser Lehrer hat das Thema aber aufgegriffen und mit uns darüber gesprochen, auch darüber, dass zum Beispiel der, der mich angemacht hatte, auch „kein Land“ hat: Er ist Kurde.

ww: In der Würdigung Ihrer Arbeit ist von „politisch und gesellschaftlich herausfordernden Zeiten“ die Rede. Welches sind die größten Herausforderungen für Sie und was gibt Ihnen Mut und Zuversicht, für Veränderungen zu arbeiten?
GW: Eine große Herausforderung ist, dass die Vorurteile immer noch da sind: dass wir klauen, dass wir noch im Wohnwagen wohnen, so was. Das dauert noch, bis das weg ist.
GR: Wir sehen aber auch und es motiviert uns, dass sich etwas bewegt, dass Veränderungen möglich sind. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es leicht ist, aber Kraft gibt uns, dass wir beide eng zusammenarbeiten und uns, wenn es mal schwer wird, gegenseitig sagen: Nein, wir machen jetzt weiter.
 GW: Wir sind die Sinti-Generation, die nicht mehr schweigt, sondern spricht, und die dafür sorgt, dass die nächste Generation stärker aufwächst.

ww: Frau Reinhard, Frau Wilms, ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin Erfolg in Ihrer engagierten Arbeit.

Für
 den
 Westwind: 
Frieder
Bachteler

Gabriele von Stritzky (stellvertretende Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses), Dr. med. Kira Menz und Ann-Kristin Schulte-Westhof (beide Herzretter e.V.), Giselle Reinhard und Givenchy Wilms, Yohana Hirschfeld (Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses)
Foto: Bezirksamt Altona

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